Das Mutter-Jobsuche-Experiment. Selber schuld?

Ende der vergangenen Woche habe ich die erste Etappe meines 1,5 Jahre langen Mutter-Jobsuche-Experiments beendet. Den krönenden Abschluss für diese Etappe bildete ein interessantes Gespräch mit der Arbeitsagentur Hannover (Brühlstraße) zum Thema Gründungszuschuss und Schwangerschaft. Das Gespräch hat mir echt die Schuhe ausgezogen und ich bin jetzt noch fassungslos 😮 Darüber erzähle ich gleich mehr. Das Positive vorab: Immerhin weiß ich am Ende dieses Experiments jetzt, welche Optionen ich als Mutter (nicht) habe, um mein Leben (mit Frieden und Freude) zu bestreiten.


Zu der Aufgabenstellung und den Voraussetzungen meines Experiments:

A) Die Aufgabenstellung:

Einen Job finden, mit dem ich mindestens 1500€ netto verdiene und nicht mehr als 40 Stunden in der Woche arbeite. Ob freiberufliche Mitarbeiterin, Angestellte oder Selbstständige war bei der Suche erstmal egal.

Wöchentlich 3 Bewerbungen bei Jobportalen online, oder Stellenausschreibungen in der Jobbörse der Arbeitsagentur bzw. deren Postsendungen, Jobangebote durch Beziehungen oder anderweitige Zufälle und eine weitere spezielle Internet-Recherche zu den Begriffen „Jobs Home Office Hannover“, „Jobs für Schwangere Hannover“, „Vereinbarkeit Beruf Hannover“, „Jobs für Mütter Hannover“ und einigen mehr. Außerdem die Recherche, mit welchen Jobs man von Zuhause aus als Selbstständige mittelfristig Einnahmen generiert.

B) Meine persönlichen, chronologischen Vorraussetzungen (könnten spannender nicht sein!)

  1. Vor der Elternzeit habe ich erfolgreich als Vertriebsleiterin gearbeitet.
  2. Ich habe in der Elternzeit (Mai 2016) mit meiner ehemaligen Studienkollegin ein Projekt gestartet und dann eine UG (Mini-GmbH) gegründet. Aktuell kann ich als Co-Founder von der UG nicht leben, daher bin ich im April vom Elterngeld direkt ins ALG 1 gerutscht.
  3. Mein Kind ist seit Ende April in Betreuung.
  4. Der Kindsvater ist in Elternzeit und übernimmt viele Betreuungsaufgaben.
  5. Ich bin seit Ende Juni erneut schwanger.
  6. Ich bin stark, gesund, unternehmungslustig und fachlich kompetent.

Los gehts mit dem Experiment!!!

Januar 2016: Geburt meines Sohnes.

Februar 2016: Vertrag mit AG läuft aus.

Mai 2016: Beginn des Projektes „wowdio“ mit meiner Kollegin aus Berlin.

Oktober 2016 – Mai 2017: Meine Kollegin und ich übernahmen die Projektleitung eines Studienprojektes an der Popakademie Baden-Württemberg GmbH. Mein Partner reiste mit mir gemeinsam nach Mannheim und kümmerte sich um unseren Sohn, während ich die Treffen leitete – unentgeltlich, aber Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung wurden gestellt. Im Anschluss an diesen Job knüpfte ich erste Kontakte im Hafven Coworking Space und gönnte mir dort monatlich einen Platz zu 90€ als Resident. Mein Pitch vor Publikum führte zu einer Investoren-Anfrage. Den Investor störte es überhaupt nicht, dass ich Mutter eines damals 1-Jährigen ohne Betreuung war.

Ab Mai 2017: Mein Sohn ist in der Eingewöhnungsphase, daher habe ich Zeit für die Jobsuche. Ich bewerbe mich damals im NICHT-SCHWANGEREN-Zustand und einem Kind in Betreuung für diverse Jobs:

  • Online-Redakteurin in einem bekannten deutschlandweiten Online-Magazin
  • Texterin
  • Online-Konzepterin (freiberuflich) in einer hannöverschen Digitalagentur
  • Medienmanagerin
  • Medien-Konzepterin
  • Medienberaterin
  • Social Media Managerin
  • Content Managerin
  • Vertriebsassistenz
  • Projektmanagerin
  • Projektassistenz
  • Assistenz der Geschäftsführung
  • Vertriebsleiterin
  • Sales Assistent
  • Marketingmanagerin
  • Marketing Assitenz
  • Online Marketing Managerin
  • Digital Transformation Consultant
  • Media Consultant
  • uvm – aber ihr seht die Richtung…

Dödööööö – 3 Einladungen, ansonsten Absagen. In der einen Firma wurde ich gefragt, OB ich das denn mit Kind und Karriere hinbekommen würde – obwohl mein Partner in Elternzeit war UND mein Kind in Betreuung. Für den anderen Job passte die Chemie einfach nicht. Es erreichte mich dann eine weitere Einladung für ein Vorstellungsgespräch, bei der ich einfach verschwiegen hatte, einen Sohn zu haben.

Das erste echte Angebot: Ich saß gerade im Hafven, als das erste ernstgemeinte Jobangebot kam – von einem Menschen, den ich die letzten Monate schon kennengelernt hatte und der Interesse an meinem Projekt www.wowdio.de gezeigt hatte. Er fragte, wie mein Projekt so laufe und ich erzählte. Ich berichtete ihm, dass ich nach einer Nebentätigkeit suchte, mit der ich meinen Alltag finanzieren könne, bis das Projekt sich selbst trage. „Kein Problem,“ sagte er zu mir, „Am 13.06. kannst du bei uns als Head of Sales auf Probe einsteigen.“ >>>>> Handschlag und gut. SO EINFACH GEHT ES BEI START-UPS!!! Vielen Dank an dieser Stelle nochmal für Euer Vertrauen – http://www.mia24.com. Die 4 Wochen flogen dahin und ich merkte, dass ich für wowdio immer weniger Zeit hatte, als die Sache brauchte. Wir hatten mit wowdio gerade erste Preise gewonnen und ich musste mich entscheiden. Ich entschied mich für wowdio, weil das Projekt mit mir steht und fällt und meine Kollegin mich braucht. Ich mache dort die IT, die Akquise und vieles mehr. Wenn ich raus bin, ist wowdio raus – das war mir klar.

Runde 1 – Antrag auf Gründungszuschuss: Ich beschloss also, bei der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss zu beantragen und erkundigte mich vor Ort und später auch telefonisch. Mein zuständiger Sachbearbeiter in der Agentur rat mit von dem Zuschuss ab, weil das Projekt wowdio ja mittlerweile eine UG sei und die Gründung von juristischen Personen angeblich nicht in der Rahmen eines Gründungszuschuss fielen – GELOGEN! Aber ich wusste es nicht besser, also lief ich mit hängendem Kopf nach Hause und arbeitete weiter an Bewerbungen und meinem Projekt.

Teil 2 – Job als Geschäftsführerin und Co-Founderin aka Wir greifen nach den Sternen: Was ist der absurdeste Job, auf den man sich als kleines Licht bewerben kann? Astronaut und Geschäftsführer standen ganz oben auf meiner Liste. Da ich in Hannover keine Ausschreibungen für Astronauten fand, suchte ich nach Geschäftsführer-Stellen und bewarb mich ganz frech. Ein Job als Geschäftsführerin und Co-Founder für ein Gehalt und Unternehmensanteile – ein Knaller-Angebot. Und da war Sie, die Einladung! Ohne zu wissen, was dann folgen würde, ging ich zum Vorstellungsgespräch und überzeugte. Der Anruf mit der Zusage erfolgte wenige Tage später.

Achtung SCHWANGER: Plötzlich merkte ich dann, dass ich schwanger bin und freute mich sehr. Andererseits erschrak ich auch gewaltig, weil ich ja immernoch keine Kohle hatte … das ist eine steile Karriere ABWÄRTS! Erst Vertriebsleiterin, dann Gründerin in Elternzeit, dann auf ALG 1 ohne Recht auf Gründungszuschuss und noch geringere Chancen auf Arbeit mit Schwangerschaft und gerade erst so ein geiles Jobangebot bekommen. Heijeijei!!! (Die Freude überwog und überwiegt trotzdem. Ich bereue nichts!!! #einkindgehtimmer)

Was die Arbeitsagentur Hannover dazu sagte? Ich rief umgehend bei der Agentur für Arbeit an und teilte meine Situation mit. Die Kollegen rieten mir unbedingt davon ab, den Mitgründern von meiner Schwangerschaft zu erzählen und verwiesen mich an eine Beratungsstelle in Berlin, die mir ebenfalls den gleichen rechtlichen Rat erteilte. „Sie sind nicht dazu verpflichtet, es zu sagen“, so hieß es. Aber mal ganz ehrlich, hättet ihr den Job angenommen? Hierzu würde ich mich sehr über Kommentare freuen! Ich konnte das Verschweigen meiner Schwangerschaft moralisch nicht vertreten und gab den Jungs vom Team Bescheid. Guess what happended? … Na, was glaubt ihr??? 😀

Mündliche und schriftliche Antwort des Startups: „Kein Problem! Danke für deine Offenheit. Wir machen es trotzdem! Die Anteile können wir dir zwar nicht geben, aber Geschäftsführerin kannst du gerne sein, wir glauben an dich!“ Ein paar Tage später folgte dann die Email: „Ach hey, du … also Geschäftsführung, hm, naja … das haben wir uns nochmal überlegt. Aber wir brauchen dich unbedingt in der IT, in der SEO und beim Aufbau der Seite. Wir würden dich gerne als Abteilungsleiterin IT nehmen…unbefristet!“ Es hieß ausserdem, ich könne wowdio nebenbei weitermachen. Ich war zwar erstaunt, aber es war für mich immer noch okay bzw. sogar angenehmer, weil ich dann weniger Verantwortung und weniger Stress haben würde – so dachte ich. Yeah, hello Vereinbarkeit!!!

Der neue Job? In der folgenden Woche setze ich mich zur vereinbarten Uhrzeit in das Büro der Firma und wunderte mich, dass noch keiner da war, da sich das Büro in einem Bürokomplex befindet, waren zum Glück andere Teams da, die mir aufmachten. „Wo sind die alle???“, dachte ich mir. Dann klopfte ein Mitarbeiter eines anderen Teams und lud mich zum Frühstück in der Küche ein – es sei noch etwas übrig und so lerne man die Neuzugänge besser kennen. Ich dankte und versprach, in wenigen Minuten hinterher zu kommen und checkte kurz meine Mails von der neuen Firma, dann von wowdio und schließlich meine privaten. Ich war mittlerweile 1 Stunde alleine in dem Büro!!! Und da fand ich dann die Brüllernachricht, die am vorigen Abend um 20 Uhr an mich versendet wurde – an einem Sonntag: „Danke, aber du bist raus – wir wollen aber Freunde bleiben :-)“ (Das war die Message in Zusammenfassung)! Alter, alter, was soll das denn? Ruft man in solchen Fällen nicht wenigstens an? Mich traf der Schlag, mir wurde schlecht und ich schämte mich. Immerhin saß ich die ganze Zeit in einem Büro, dass ich gar nicht hätte betreten dürfen!!! Heute muss ich darüber lachen. 2017 – du machst mich fertig 😀

Ich eilte aus dem Büro und rief alle Freunde an, die erreichbar waren. Zwischen Lachen und Heulen wusste ich gar nicht, wohin mit mir. Also ging ich wieder nach Hause. Was die Arbeitsagentur dazu sagte: „Naja, dann haben Sie mehr Zeit für ihr Kind. Wir schicken Ihnen bald eine Stellenausschreibung zu, da Sie ja keinen Anspruch auf Gründungszuschuss haben.“ Toll! Aber was sollen die auch machen? 😀

Endlich Rettung in Sicht. Von diesem ganzen Hin und Her bekam dann eine weitere Stelle in Hannover Wind: hannoverimpuls. Da wir mit wowdio den KreHtiv-Preis 2017 gewonnen hatten, sind wir in Betreuung zweier Mentoren. Dieses Mentoren-Programm läuft über hannoverimpuls – ein Programm der Wirtschaftsförderung.

Hannover ist ein Dorf – jeder kennt jeden und alle Neuigkeiten verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Also bekam hannoverimpuls meine Jobsuche mit und fragte mich nach meinen weiteren Perspektiven mit wowdio. Ich erklärte, ich hätte keinen Anspruch auf Gründungszuschuss … und mein Mentor schüttelte mit dem Kopf. „Blödsinn!“ Er vermittelte unverzüglich einen Kontakt zu einem Berater in Sachen Gründungszuschuss, der mich auf alle Eventualitäten vorbereite. Und die Wahrheit ist, der Gründungszuschuss ist eine Kann-Leistung der Agentur. Wenn man selbstständig ist oder werden möchte, noch mindestens 150 Tage verbleibenden Anspruch auf ALG 1 hat und einen Businessplan vorlegen kann, muss der Antrag geprüft werden. Man kann niemanden einfach so abwimmeln! In meinem speziellen Fall riet mir der Berater von hannoverimpuls eine Statusfeststellung bei der Deutschen Rentenversicherung bzw. bei dessen Clearingstelle zu machen, um meine Selbstständigkeit in der UG nachzuweisen. Die Unterlagen sind vor Kurzen bei mir eingetroffen und faktisch bin ich SELBSTSTÄNDIG. Außerdem habe ich meinen Businessplan schon fertig – zumindest den schriftlichen Teil.

Ich meldete mich also wieder bei der Agentur für Arbeit und bat um Unterlagen für den Gründungszuschuss, woraufhin ich prompt in die Agentur eingeladen wurde.

Aaaaaaaarrrrgggg!!!! Was die Agentur NUN sagte???? Die nette Dame bei der Agentur fragte erstmal nichts zu meiner „geplanten“ Selbstständigkeit, zur faktischen Tragfähigkeit und der Aufstellung des Teams, sondern wollte vordergründig wissen, WIE ICH DAS DENN SCHAFFEN WÜRDE MIT EINEM ZWEITEN KIND. Sie war sich nicht sicher, ob ich als Selbstständige in den Mutterschutz gehen müsste oder die regulären zwei Monate nach der Geburt im Beschäftigungsverbot sei. Als ich ihr sagte, dass Selbstständige diese Pflichten nicht hätten, wollte sie dies nochmal prüfen, war aber im tiefen Zweifel, wie denn meine Firma in der Zeit vor und nach der Geburt funktionieren sollte. Dass ich eine Partnerin habe und meinen Job flexibel ausüben kann, war für sie nicht wirklich relevant. Sie riet mir indirekt (aber unmissverständlich) dazu, keinen Zuschuss zu beantragen. Ich solle auf ALG 1 bleiben, im Mutterschutz dann Krankengeld beziehen, dann Elterngeld beantragen und danach meinen Restanspruch auf ALG 1 wahrnehmen … und im Ernstfall danach wieder auf Sozialhilfe wechseln … mein Erstaunen kannte keine Grenzen.

Hallo Welt, ich bin Mutter und ich bin schwanger, aber ich bin nicht arbeitsunfähig!!!!!!!!! Was ist los mit Euch???

Ich wurde kratzbürstig und erklärte ihr, dass mein Freund seinen Gründungszuschuss bewilligt bekäme, obwohl AUCH ER EIN KIND BEKOMMT – NICHT NUR ICH!!! Die Beraterin erwiderte freundlich, dass sie keine Agenda der Benachteiligung habe, man aber ja wisse, dass Frauen sich eher um Babies kümmern, als Männer.

Oh mann! In meinem Ohr klingt das wie Menschen, die Türken nicht leiden können und trotzdem der Meinung sind, sie seien nicht Migranten-feindlich.

Wie auch immer, ich kämpfe weiter. Und ich halte Euch auf dem Laufenden, wie es bei mir weitergeht. Für Euch dennoch ein paar weitere Erkenntnisse, als was ich in meiner Situation das Ziel von 1500 € netto mtl. erreichen kann:

  • Prostituierte
  • Erotikdarstellerin
  • Messehostess auf Schwangerschaftsmessen
  • Heimarbeit zu schlimmen Konditionen – wird auch sofort vom ALG abgezogen
  • Selbstständigkeit (Wir werden es sehen) 😀
  • Online Redaktion (freiberuflich)
  • Texterin

Mal sehen, wohin es mich treibt. Ich halte Euch auf den Laufenden!!!!

P.S.: Jemand bei der Elterngeldstelle meinte mal zu mir: „Die (Familien) schaffen es auch immer, dann genau nach 2 Jahren das zweite Kind zu bekommen, da sind die genau 1 Jahr abgesichert und arbeiten 1 Jahr, um dann wieder in Elternzeit zu gehen.“

Das funktioniert zwar nur bei unbefristeten Jobs, die ich bisher noch nie gesehen habe und wenn die das machen: KEIN WUNDER. Selbstständig werden oder einen neuen Job als Mutter finden, ist ja auch ein Krampf.

KOPF HOCH – WE CAN DO IT!!!!!!!!! Lasst Euch niemals unterkriegen, irgendeine Tür wird sich öffnen!

Eure Tatjana

2 Antworten zu „Das Mutter-Jobsuche-Experiment. Selber schuld?“

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